Poesie

Einkehr

Wenn die Welt, in der wir leben,
gestern nicht im heut erkennt,
wenn die Antwort, die wir geben,
kraftlos, dünn, wenn Furcht entbrennt.
Wenn die Kinder, einsam, leise,
sich verziehn ins Digital,
wenn die Bilder scheibchenweise
unterhalten laut, brutal.
Wenn die Sterne droben, eigentlich immerdar,
mehr zu Funzeln runzeln übers lange Jahr,
ja, wenn selbst die Götter sterben: sonderbar…
Dann weiß Jeder plötzlich guten Rat,
kommt die Zeit der schnellen Tat,
dann werden Schuldige gesucht, das hat
Methode: macht die Leute „satt“.
Doch welcher Sinn liegt dem zugrunde,
dass das, was schön war, vor die Hunde
geht, und  immer wieder und im Kreise,
ja, was soll die ganze Scheiße?
Oh Menschlein, hast den  Kopf voll Rauch,
hast Hunger, Lust, und Wut im Bauch,
ahnst Du, was Du könntest sein,
wenn Du kehrtest bei Dir ein?
02.03.2010

 

Winter-Insel

Amrum, ach Du schöner Fleck,
bist alltagsfrei, kein Plan, kein Zweck.
Vom Festland weit, den Dünen nah,
die Himmel hoch, Schar Vögel da.
Ziehn ruhig dahin in Formation,
als  wüsste  ihre Ziele schon
der Tiere feine Innenwelt,
vom Zweifel frei, der uns befällt.
Uns Menschen, die wir alles wissen,
die planen, schaffen, kämpfen, müssen:
vom Zweifel sind wir doch zerrissen!
Gäb’s nicht ne Art von Ruhekissen?
Strandspaziergang, heißer Tee,
manchmal tun die Füße weh.
Jetzt ist jetzt, der Körper spricht:
Wer Ziele denkt, der spürt sie nicht!
05.01.2010

Rattenfänger

Sei  trendy, taff, flexibel, schnell
das ist des Marktes laut Gebell.
Wer haben will was auf’m Teller
sollt höher, stärker, weiter, schneller
als  sein Bruder Konkurrent,
der auch nicht schläft, der nichts verpennt:
den Augenblick der Gunst zu packen,
am Schopf  –  auch wenn im Nacken,
der kalte Tropfen Angst bricht aus!
Das ist das Motto: Nichts wie raus,
aus Freundschaft, Heimat, Komfort-Zone!
Bezahlte Redner –  oben ohne –
verwirren und verdrehn die Worte,.
Nichts heilig ist, profan die Orte:
Mode, Fahrspaß, Düsenjet,
der von Gestern bleibt im Bett.
Irgendwann, vielleicht schon heute,
merken es die lieben  Leute,
dass  Rattenfängers schöne Welt
auch beißt, und nicht nur spielt und bellt!

22.03.10

Ganz unten

Ein Zaum um den Traum
dem Baum kaum noch  Raum
so lange schon bange
sich anschleichende  Schlange
Nichts sagend das Neue
am Himmel Blass-Bläue
verloren das Treue
kein Tag ohne Reue
Kein wagen, verzagen
beklagen, versagen
sich mühen, verblühen
verblendet,  verendet
kein Saft, keine Kraft
der Muskel erschlafft
isoliert, wie in Haft
bedroht Partnerschaft
Kaum Planken am  Boot
Flanken offen zum  Tod
die Rettung nur Traum
fürf  Mensch, für den Baum

09.11.2010

Schleier

Kinderlein singen
Glocken hoch schwingen
Worte verklingen
Trommeln bezwingen
Auf Vorschriften scheissen
den Erdball bereisen
sich alles beweisen
vor Lachen entgleisen
Durch Augen nicht sehn
vor Sehnsucht vergehn
rückwärts im Stehn
im Winde verwehn
Drachen aufsteigen
sich trotzdem verneigen
im Wachsen verzweigen
auf Herzen hin zeigen
Flötenlaut  schwebt
seltsam belebt
Feste erbebt
Schleier sich hebt

02.10.2010

Und Du?

Der Jäger schießt mit Lust Gazellen,
voll Frust der Lehrer gibt Maulschellen,
den Pfeil  der Armbrust Tell ließ schnellen.
Ein jeder macht sein Ding – und Du?
Aus Liebe schuf einst Gott all das,
heut schafft durchs Trottoir sich Gras,
unterm Schafott schafft Henkers Hass .
Und was schaffst eigentlich Du?
Die Liebe kommt, bevor sie geht,
der Monatslohn  wieder zu  spät,
im Rausch kommt alles wie verdreht.
Sag, wann kommst endlich Du?
Die Mutter bringt ihr Kind zu Bett,
Soldaten bringen’s selten nett,
Pfunde auf Rippen bringt das Fett.
Und was bringst nochmal Du?
Pastoren  hoffen, tun auch beten,
der Banker hofft auf mehr Moneten,
der Künstler  auf  ein paar Peseten.
Und worauf  hoffst nun Du?

01.09.10

Jetzt

Ach, was ist das Herz mir schwer, wird das ewig bleiben?
Wann wird der Stamm der Alters-Würde Blüten endlich treiben?
Wann wird  der Wunsch nach ewger Jugend enttarnt sodann als  Sysiphus?
Und vertraut  mir  diese  Tugend,  dass ich  Abschied nehmen muss?
Seit Menschen altern, wird berichtet, von Verzweiflung, Scham und Not,
wie der mächtge Mann es richtet, auszutricksen Vatter Tod:
baut Paläste, schickt Soldaten,  schafft   ein   tausendjährig   Reich,
junge Frauen, kühne Taten, doch die Rechnung folgt sogleich.
Wie die Fraun auf Sälblein  hoffen, zu Preisen ohne Sinn, Verstand,
sich drapiern in edlen Stoffen, Raubtierfellen, eitlem Tand.
Sind eingekauft von Männlein alt – dank Leibes Form und kühlem Blick -,
die mit ihren schlappen Fähnlein paar Salti machen wolln zurück.
Wir sitzen lange schon in dieser Falle, die mit jedem Tag, der geht,
noch tiefer wird, weil Todes’ Kralle uns droht; man zwar versteht,
dass glatte Haut,  die Junge haben, schon schön ist, ohne Zweifel  wahr.
Doch nicht begreift, dass Falten Jahresgaben,  die  Weisheit heimlich uns gebar!
Und nicht das Ende sind von allem Glück –  und mehr uns bleibt, als das „Zurück“!
Es sind die kleinen, feinen Risse, aufreißend  im  Gedankenstrome,
durch die , was  fest,  ganz und gewisse, plötzlich verwirbelt als Atome,
nicht so zu sehn und zu verstehn, wie alle sagen, doch seltsam schön, wenn wir es wagen,
den Tanz der Dinge zuzulassen,  der keine Grenzen kennt und scheut,
die doch, so sehr wir diese hassen,  von Kindheit  an uns eingebleut.
Der Tanz der Dinge läßt nicht zu die Grenzen zwischen was auch immer!
Ein  Bild, so scheint’s,  in Form und Ruh,  schnell  auf sich löst  in Punkt-Geflimmer.
Kein hüben und kein drüben mehr, des Tropfen Haut sich löst im Meer.
Kein vorher und kein nachher nicht – nur jetzt…, dazwischen Pausen,
kein innen gibt’s,  wie sollt das sein,  sonst gäb’s  ja  auch ein außen!
Kein oben – unten:  abgeschafft! Kein jung, kein alt, nur Nachbarschaft
von allem, was da ist. Wir erben,
wenn wir  das Sterben leben lassen,  das Leben dann im Sterben.

26.05.10

Der Teich

Im Garten hinterm Haus, da liegt er,
eingebettet zwischen Grün und Kraut,
kaum ahnbar während  Alltags Hin-her,
nur vom Innehaltenden erschaut.
Erblicke unter Spiegelfläche,
das Blitzen, Jagen, Fischleins Gold,
knie sanft, dass ich nicht unterbreche,
das Spiel der Tiere, so gewollt
von Neptun, Hüter dieser Welt,
der sie geschenkt uns hat aus Freude,
und nicht als Ziel von Gier und Beute,
um draus zu schlagen schnelles Geld.
So sink ich ein und find mich wieder
im Blaugrün-Schatten, leg mich nieder….
…streichelt sanft ein Wind die Wellchen,
Erlkönig’s Tochter, goldne  Bällchen
fallen tief herab und küssen
Frösche, die sich wandeln müssen
zu Prinzen, wahren Alltagshelden,
die  verzaubert kehrn zurück,
um dann rasch uns zu vermelden
den Tiefsee-Frieden, Wasser-Glück.

20.06.2010